Wovon ein sportbegeisterter Magdeburger 1931 aus den USA zu berichten wusste

Manchmal finden sich in Schränken und Schubladen ganz interessante Dinge. So auch in diesem Fall. Beim Ordnen alter Unterlagen hat der Magdeburger Werner Heller kürzlich einen Brief an seine Eltern von einem Freund der Familie, Karl Sanne, gefunden, der 1929 in die USA auswanderte. Karl Sanne wohnte laut dem Magdeburger Adressbuch von 1929 damals in der Ilsestraße 8. Ihn verband mit seinem Brieffreund Walter Heller u.a. die Leidenschaft für das Turnen. Beide turnten gemeinsam in einem Magdeburger Turnverein.  In seinem Brief aus dem Jahre 1931 an die Familie Heller wird die Begeisterung für den Wintersport deutlich. Ein schönes Stück Geschichte aus den 30er Jahren.

Brief Karl Sanne 1931 Brief Karl Sanne 1931

Transkription

Chicago, den 23. Februar 1931

Lieber Walter und Familie!

Da es wohl noch etliche Zeit nimmt, bevor ich mit dem Luftschiff nach drüben komme, so ist es wohl besser, wenn ich auf diesem Wege zu Euch komme. Ein neues Jahr hat nun schon wieder zwei Monate hinter sich und so will ich heute mal wieder ein Lebenszeichen geben. Der Winter hier ist soweit sehr milde gewesen, viel Regen und dadurch sehr viele Überschwemmungen, ca. 1.000.000 waren dadurch obdachlos. Jetzt ist es ja teilweise wieder vorüber.

Letzten Sonntag war aber trotzdem großes Skispringen in Chicago, da kein Schnee gefallen war, ist Eis zermahlen und durch Luftdruck als Schnee auf die Bahn geschleudert worden. Ich war natürlich auch da und es ist sehr gut verlaufen, wenn sich auch etliche überschlagen haben, was nicht programmgemäß war. Auch die Weltmeisterin im Schlittschuhlaufen Sonja Henie habe ich in ihren besten Leistungen bewundert. Ja es ist hier immer etwas los, ich selbst betreibe ja auch wieder regelmäßig mein Turnen. Jetzt habe ich ca. 20 Mann, aber es wird wohl bald mehr werden. Allerdings sind es 50% Ungeübte.

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Hast Du vielleicht noch ein Turnerliederbuch und eine Turnzeitung über, ich kann das hier nicht bekommen und möchte es den Turnern mal zeigen, auch ein Buch über Turnersprache hatte ich mal, aber ich bin schon zu lange von zuhause fort, so weiß ich nicht, ob es noch da ist. Wenn Du vielleicht noch so etwas hast, könntest Du es mir schicken? Sonst geht’s aber ganz gut mit dem Turner. Auch zum Turnen geht’s alle Sonnabende, aber ein Sweetheart habe ich noch nicht, es geht alleine auch ganz gut.

Mit der Arbeit geht es flott, allerdings gibt es auch hier noch ca. 5 Mill. Arbeitslose, aber mit ca. 2 Mill. ist wohl immer zu rechnen. In Deutschland geht es ja etwas vorwärts und hoffentlich geht’s bald noch besser. Die Zeitungen hier sind meistenteils nicht deutschfreundlich und so hören wir hier gewöhnlich nur von Diktatur in Deutschland. Radioprogramme kann man jetzt direkt von Deutschland mit dem neuen Kurzwellenempfangsapparat bekommen, ich habe aber noch keinen, meiner ist noch wie neu. Ein 11 Röhrenradio kostet 89 Dollar, aber tipp topp. So nun will ich für heute schließen und hoffe, dass Du sowie Familie gesund seid.

Viele Grüße

Dein Freund
Karl

Anmerkungen zu einigen Textstellen

Karl Sanne schreibt von Überschwemmungen in den USA, wodurch „ca. 1.000.000 [..] obdachlos“ geworden sind. Die Bilder von Hochwasserkatastrophen sind heute auch den Magdeburgern durch die Ereignisse von 2002 und 2013 sehr nah. Der Brief zeigt, dass es auch in den USA bereits in den 30er Jahren Hochwasser mit verheerenden Auswirkungen gab. Im Blickpunkt des Jahrs 1931 stand diesbezüglich aber die Hochwasserkatastrophe in China mit mehreren Hundertausend Toten. Zeitgenössische Bilder solcher Hochwasser während der 30er Jahre in den USA gibt es in einem Video des National Archives zu sehen

Trotz des Hochwassers, so berichtet Sanne seinem Freund Heller, fand ein „großes Skispringen in Chicago“ statt. Zu dieser Zeit standen die  Olympischen Winterspiele 1932 in Lake Placid vor der Tür. Die Begeisterung der Amerikaner für den Wintersport war aber schon vorher – inbesondere durch Einwanderer aus Skandinavien – geweckt. Karl Sanne meint in seinem Bericht wahrscheinlich die Skisprungsschanze Fox River Grove, des ältesten Ski-Clubs in den USA. Der Club notiert heute auf seiner Website zur eigenen Geschicht:

We are the oldest, continuously open ski club in the United States.The club was started in 1905 by a group of Norwegian men. Most lived in Chicago and came out to Fox River Grove to ski jump. They created cottages on our club grounds to give them a place to stay while they were working on building up the club grounds or just having fun ski jumping. Over the years, men and women of all nationalities have joined the club to experience the thrills and enjoyment of ski jumping.In the early years of the club, huge crowds came in from Chicago and its suburbs to see our tournaments.The clubs has also had some promotional jumps. Once the Norge ski club rented out Navy Pier in Chicago and set up a jump where the jumpers landed in the water.

Another big event was when the Norge Ski Club rented out Soldier Field in Chicago and built a huge scaffolding for a jump event.

Zur Geschichte der Schanze Fox River Grove, die Karl Sanne wohl besucht hat, noch das Folgende:

Fox River Grove is about 40 Miles north-west of Chicago. The club is called Norge Ski Club Chicago and the oldest ski club in America (founded in 1905, first jump in 1906!).

Noch bekannter ist die Schanze Soldier Field, die aber erst 1937, sechs Jahre nach dem Brief, gebaut wurde.

Bemerkenswert ist zudem Sannes Schilderung über die Beschaffenheit der Bahn. „Da kein Schnee gefallen war, ist Eis zermahlen und durch Luftdruck als Schnee auf die Bahn geschleudert worden.“

In der oben erwähnten Clubgeschichte ist zumindest für Soldier Field bekannt:

„They used crushed ice instead of snow to jump from and land on. It must have been exciting to jump from this tower at Soldier Field.“

Sonja Henie, 1931

Sonja Henie, 1931
Bundesarchiv, Bild 102-11013A / CC-BY-SA

Der Einsatz von Schneeersatz, den Sanne erwähnt, passt in die Historie der technischen Entwicklung für solche Ersatzoberflächen u.a. um auch im Sommer diversen Wintersportarten zu frönen. Das von Sanne beschrieben Verfahren ähnelt zumindest dem technischen Prinzip einer Schneekanone, das in den 40er Jahren entwickelt wurde. Vielleicht hat Karl Sanne eine bislang unbekannte technische Vorstufe der Schneekanone im Einsatz erlebt?

Die von Sanne genannte Schlittschuhläuferin Sonja Henie (1912-1969), die er „in ihren besten Leistungen bewundert[e]“, gehörte übrigens mit drei olympischen und 10 Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften zu den herausragenden Sportlerinnen in der Geschichte des Wintersports insgesamt. Im Jahr 1931 hatte die Norwegerin Henie bereits einmal olympisches Gold gewonnen und war Serienweltmeisterin im Schlittschuhlaufen. Ihre sportliche Karriere endete 1936 und sie wurde Schauspielerin.

Überhaupt war Karl Sanne sportbegeistert und schrieb an Hellers „ich selbst betreibe ja auch wieder regelmäßig mein Turnen.“ Schon in Magdeburg war er Mitglied des „Männer-Turn-Vereins Einigkeit Lemsdorf“ gewesen, der Mitglied im Deutschen Turnerbund und in der Magdeburger Turnvereinigung war. Die Lemsdorfer Chronik weiß über den Turnverein zu berichten: „Sein Gründungsdatum wird mit dem 7.6.1907 genannt und er hatte 51 Mitglieder (1912). Den Verein gab es bis 1945. Auf S. 67 der Chronik ist Karl Sanne (1. v. l.) abgebildet, 3. v. l. sein Freund Walter Heller, Vater des heutigen Lemsdorfer Stadtrates Werner Heller.

Text: Heinz-Josef Sprengkamp (mit leichten Änderungen der Redaktion)